„Dicke werden immer in Watte gepackt“

Des Öfteren halte ich mich im Kleiderkreisel-Forum auf, um mitzumischen, oder einfach nur zu lesen. Gestern stieß ich auf einen Post, der sich beschwerte, dass XL-Threads tolleriert werden, XS-Threads hingegen immer gelöscht werden und direkt gesagt wird, man sei magersüchtig. Zur gleichen Zeit entstand ein XS-Thread und eine Diskussion über eben diese Magersüchtigkeit. An dieser Stelle muss allerdings erwähnt sein, dass es kein Wunder ist, wenn über Magersüchtigkeit diskutiert wird, wenn man selber sich einen BMI von 19 andichtet, alle anderen aber durch Rechnungen auf 15 kommen. Wie auch immer, entstand hinterher ein „Wo ist der XXS-Thread hin?“-Thread, der alles wieder aufgreifen sollte und eine große Diskussion startete. XS gegen mich. Da es zu einigen wirklich unverschämten Äußerungen kam, möchte ich mich an dieser Stelle einmal allgemein zu der Dick – Dünn Dabatte äußern und mich da mal nicht auf Threads in irgendwelchen Forums äußern. Da kann man nur sagen: mit der richtigen Formulierung kommt es auch nicht zu Diskussionen. Es ist kein Wunder, wenn Threads mit „Ich wiege 40kg, bin 1,65m groß und fühle mich unwohl. Bin ich damit alleine?“ im Gegensatz zu „Kurven Diskussion – Wo finde ich passende Kleidung um meine Röllchen zu kaschieren“ ausarten.

Nungut, nun aber zu meiner Meinung. Eher passend vielleicht sogar „Mein Senf zur Presswurst“, oder so. Scherz beiseite. Ich bin dick. Zumindest werde ich von der Gesellschaft in diese Schublade gepackt und auch mein BMI zeigt deutliches Übergewicht. Und damit ecke ich oftmals an und werde zum Teil beleidigt oder angespuckt. „Dicke werden immer in Watte gepackt und wehe da sagt mal jemand was“, ist also absolute Schwachsinn. Mit Sicherheit gibt es auch Dicke, die geradezu ermutigt werden, zuzunehmen oder ihr Gewicht zu halten und auch welche, die sich zusammentun und dann kollektiv zurückschlagen, wenn mal was gesagt wird, aber das ist ja nicht der Regelfall. Ebenso wenig ist es der Regelfall, dass alle Dünnen als magersüchtig betitelt werden. Oft ist es so, vor allem, wenn das dünn sein dann auch noch extrem zur Schau gestellt wird, man Knochen sieht oder der BMI ins Spiel kommt. Nichtsdestotrotz ist es laut Medien nun mal wichtig dünn zu sein. Magerwahn wird geradezu gefördert, Kleidung gibt es nur bis L oder eine XL würde sogar einer M passen. Man ist gezwungen, dünn zu sein, um mit Trends zu gehen oder Kleidung zu finden, die (vielen) gefällt und passt. Dass man nicht mit jedem Trend gehen sollte ist ein anderes Thema, aber oftmals wird ja vorgegeben, wie man sich derzeitig zu kleiden hat.

Was ich damit sagen will: nichts ist der Regelfall. Ich wurde im Forum gefragt, wieso ich mir so sicher bin, dass es kein Regelfall ist. Ähm … entspricht unsere Gesellschaft einer Norm? Ist jeder gleich? Nein! Jeder hat doch eine andere Meinung und jeder geht mit Diskussionen und mit Massenmeinungen anders um. Nichts ist der Regelfall. Weiterhin spreche ich aus eigenen Erfahrungen. Ich habe sowohl gelernt, dass man als Dicke beleidigt wird, aber auch schon die Frage bekommen, wieso ich abnehmen will, ich wäre doch gut so, wie ich bin. Auch Freundinnen, die eher eine S tragen, bekamen schon zu hören, ob sie genügend essen, werden aber im nächsten Moment total schön gefunden, weil sie eben nahezu alles tragen können.

Man sieht also: beide Parteien haben ihre Probleme, doch im Endeffekt haben beide dieselben Probleme – die ständigen Diskussionen. Warum? Warum muss so sehr unterschieden werden zwischen Dick und Dünn, wenn sie eigentlich nichts unterscheidet als die Masse? Beide sind am Arsch, wenn über sie gelästert wird, beide bekommen allerdings auch Komplimente und entsprechend positive Kommentare.

Mir wurde auch vorgeworfen, ich würde mich, auch wenn ich sage, man soll da nicht so sehr unterscheiden und in Schubladen stecken, auf eine Seite und zwar die Seite der Dicken schlagen. Moment. Halt. Ich bin dick! Ich muss mich nicht auf eine Seite stellen und mich mit einer allgemeinen Meinung zufrieden stellen, nur weil ich durch meine Lebensumstände nun mal auf einer Seite stehe. Nur, weil ich dick bin und somit auf „deren Seite stehe“, kann ich „die andere Seite“ verstehen. Da spricht doch nichts dagegen.

Ich bin stolz darauf, einige Kurven zu haben und habe nicht zu guter Letzt auch durch meinen Freund gelernt, damit umgehen zu können und mich wohl zu fühlen. Trotzdem beneide ich ab und an Menschen, die alles tragen können und würde gerne ein bisschen weniger auf den Rippen haben.

Diskussionen darüber, wer Recht hat, wer schöner ist und wer sich ändern sollte sind also absolut unangebracht, da erstens jeder eine andere Sicht auf die Dinge hat, zweitens sowas ganz schnell in fiesen Wordgefechten enden kann und drittens doch jeder seine kleinen Problemzonen hat und sich erstmal damit auseinander setzen sollte, bevor er auf andere einredet.

Fassen wir das ganze also mal zusammen: Wenn ihr euch unwohl in eurem Körper fühlt, dann ändert was anstatt zu meckern und über andere zu urteilen. Wenn man mit sich selber nicht zufrieden ist, aber auch nicht bereit, etwas zu ändern, trotzdem aber über andere urteilt, ist es kein Wunder, wenn es Kritik hagelt. Wenn ihr auf einer der beiden Seiten steht, dann seht doch vielleicht auch mal ein, dass die andere Seite ebenfalls Probleme hat und dass es kein Grund ist, Steine zu werfen. Wenn sich jemand wohl fühlt, dann lasst ihn doch. Selbst, wenn das bedeutet, dass diese Person in euren Augen zu dünn oder zu dick ist. Und um Gottes Willen hört endlich auf darüber zu diskutieren, wer schöner ist. Sowohl dick als auch dünn sind auf ihre ganz individuelle Weise schön.

(Darauf jetzt erstmal einen Riegel Schokolade …)

Abschied

Ich wollte über Abschied schreiben, den Schmerz, der meinen Körper durchfährt, wenn ich einen Menschen gehen lassen muss, doch selbst von dem Schreiben musste ich mich verabschieden. Es sind die gemeinsamen Zeiten, die entscheiden, wie sehr ein Abschied weh tut. Es kommt nicht darauf an, seit wann man einen Menschen kennt, es kommt darauf an, wie viel Zeit man mit ihm verbringen durfte, welche Gefühle man für eine Person hat und wie intensiv die Beziehung ist.

Es gibt einen endgültigen Abschied, mit dem man sich irgendwann abfinden muss, doch erst mal tut es weh. Es zerreißt dein Herz, es schmeißt dich komplett aus deinem Alltag und zeigt dir, dass ein Leben nicht unendlich ist.

Es gibt Schlussstriche, ein Abschied, der endgültig sein sollte, aber nicht muss. Dies sind dann meist Abschiede, zu denen man sich selbst gedrängt hat, die in der eigenen Entscheidung liegen, vielleicht oftmals die beste Entscheidung sind. Schlussstriche sind Abschiede, die nicht wehtun müssen Schlussstriche sind Abschiede, die dein Leben vor allem positiv bereichern können, dich von Fesseln lösen und dir das Gefühl geben, eine eigenständige und freie Person zu sein.

Und dann gibt es noch Abschiede auf Zeit. Abschiede, die nach einer gemeinsamen Zeit kommen. Abschiede, die schon bei dem Gedanken daran anfangen weh zu tun. Dies sind Abschiede für das Herz. Wenn man gemeinsam Zeit verbringt, eine Person einem ans Herz wächst und man seine Anwesenheit genießt und sie dann wieder gehen lassen muss, fehlt plötzlich was. In kürzester Zeit gewöhnt man sich an dessen Anwesenheit und das Gefühl nicht alleine sein zu müssen. Doch dann kommt der Moment, in dem man zusehen muss, wie die Person geht. Nicht das Wissen, dass jemand geht, sondern das Wissen, dass man nicht mitkommen kann, tut weh. Das Wissen, dass man sich für eine Zeit nicht sieht und dann wieder „Lebe wohl!“ sagen muss. Das Wissen, dass jedes Mal ein Stückchen des Herzens mitgeht und irgendwann kaum noch Rest da ist, der weh tun kann.

Diese Art von Abschieden mag ich nicht. Abschiede generell finde ich blöd. Nach fast einem Jahr Fernbeziehung, nach einer Kur und etlichen Freunden, die irgendwo verteilt in Deutschland wohnen, möchte man meinen, ich sollte langsam wissen, wie ich mit einem Abschied auf Zeit umgehen muss, doch wenn ich es dann einmal schaffe, nicht zu weinen, ist es beim nächsten Mal noch schlimmer. Dann fühlt es sich so an, als sei das Herz nicht nur Stückweise, sondern gleich im Ganzen mitgegangen. Dann ist kein Stückchen mehr da, was reißen kann und dann tut nicht mehr das Herz weh, sondern die Leere. Doch ich würde es immer wieder tun. Auch, wenn ein Abschied auf Zeit weh tut, weiß ich immer noch, dass nicht der Abschied wichtig sein sollte, sondern das Wiedersehen. Nicht der Abschied, sondern das Wissen, wieso man den Schmerz immer auf sich nimmt sollte wichtig sein. Die Liebe sollte wichtig sein.

Wahre Worte

Für Kinder ist es noch recht einfach, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Mit dem Alter wird es dann schwereroschwieriger. Schon in der Grundschule kommen die ersten oberflächlichen Bemerkungen. Aussehen ist plötzlich wichtig.
Auch ich durfte dies schon in der dritten Klasse merken. Die älteren Schüler lachten mich aus. Ich war nie dünn. Das Übergewicht begleitet mich seit meiner Kindheit. Freunde hatte ich nie wirklich. Es gab den ein oder anderen, mit dem ich mich Nachmittags zum Spielen traf, doch oft verbrachte ich den Tag zu Hause. Alleine.
In der vierten Klasse wurde es dann schlimmer. Wir sollten auf Klassenfahrt fahren und die Zimmer selber einteilen. Ich kam nur in mein Wunschzimmer, weil dies das einzige war, in dem noch ein Zimmer frei war. Die anderen wollten mich nicht wirklich bei sich haben. Wenn ich wegen des Heimwehs weinend im Bett lag, saßen sie auf ihren Betten und spielten Spiele. Ich war irgendwie egal. Alles dünne, hübsche Mädels. Ich war neidisch.
Dann kam der Winter und die viele Kleidung ließ mich noch dicker aussehen. Das war gefundenes Fressen für die Jungs meiner Klasse. Sie lachten mich aus und statt die Pausen auf dem Hof zu verbringen, ging ich in die Bibliothek. Da waren kaum Jungs. Da fühlte ich mich sicher.
Im Sommer 2005 folgte der Wechsel auf das Gymnasium und damit kam auch eine neue Chance. Neue Klassenkameraden, die mich nicht kannten. Einige alte, mit denen ich aber gut klar kam. Aber auch einige Mädchen, die zu der Sorte Zicke gehörten. Und mit ihnen kamen neue Beleidigungen, Tiernamen, manchmal sogar Schubserei. Und auch die dort folgende Klassenfahrt barg Probleme. Wieder kam ich in ein Zimmer, in dem ich nicht erwünscht war.
All diese Sachen verfolgten mich im Laufe meiner Schulbahn weiter.
Man mag meinen, dass es jetzt, wo ich nächstes Jahr Abitur mache und 18 werde besser ist. Wir sind schließlich jetzt die Großen an der Schule. Doch irgendwie ist es eher noch schlimmer.
Der Marken- und Schönheitswahn steht im Vordergrund. Wenn du nicht dünn bist, bist du nichts. Selbst die 8er und 9er erlauben sich Beleidigungen mir gegenüber. Ein Mädchen aus der 10. spuckte mir letzte Woche hinterher.

Ich finde es grausam, wie Menschen zueinander sind. Ich finde es grausam, wie sehr die Medien beeinflussen und wie wichtig es geworden ist, dünn zu sein. Nur, wer dünn ist, ist hübsch. Und das bin ich nunmal nicht. Im Laufe der Jahre habe ich ein gesundes Selbstbewusstsein aufgebaut. Nach außen. Zu Hause geht es mir oft nicht gut. Wenn ich andere Mädchen sehe, werde ich immer noch neidisch. Ich kann nicht einfach shoppen gehen, weil nichts so wirklich passen will.
Und genau deswegen würde ich mich gerne ändern. Ich würde mich gerne ändern, damit andere keinen Grund mehr haben, mir wehzutun.
Was ich keinesfalls will, ist es, den Magerwahn zu unterstützen.
Lieber verstecke ich mich hinter meinem Charakter als hinter meinem Aussehen.

Stille

Langsam lasse ich den Schlüssel ins Schloss gleiten und lausche dem Geräusch von Leben im Treppenhaus. Ich drehe den Schlüssel, warte einen Moment und öffne mit einem leichten Seufzen die Tür. Zwei Schritte trennen mich noch von dem Ort, den ich lange Zeit mein zu Hause genannt hatte, der jetzt aber nur noch Heimat ist. Zu Hause bist du. Zu Hause ist dort, wo mein Herz ist.

Ich trete ein und schließe die Tür hinter mir. In dem Moment, in dem das Schloss einrastet, bricht die Stille auf mich nieder und mein Herz zerreißt. In diesem kurzen Augenblick nimmt mir diese Stille alles und füllt mich mit vollkommener Leere.

Die Tasche gleitet mir aus der Hand, der Koffer steht in der Ecke, ich liege auf dem Bett, starre an die Decke und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Es tut weh und ich weiß nicht, wann ich jemals so gelitten habe. Stille war noch nie so scherzhaft.

Alleine sitze ich nun in der großen Wohnung, habe alle Fernseher an, die ganze Wohnung hell erleuchtet, damit es wenigstens so scheint, als sei jemand hier und weine ein Taschentuch nach dem nächsten nass.

Es ist niemand da, den ich umarmen kann, es ist niemand da, dem ich in die Augen schauen kann, dem ich ein kleines Lächeln schenken kann, es ist kein Lächeln da.

Stadt

Die Silhouetten der Häuser im spiegelnden Wasser
erscheint mir wie die Sonne am Horizont immer blasser
zu werden und zu verbergen,
dass die Stadt in dieser Nacht
über jede Menschenseele wacht.

 
Ein leichter Windhauch fährt mir über die Haut,
die Augen blicken Richtung Himmel, der bedeckt war durch dichten Rauch
der Fabrikschornsteine,
die sich in der Nacht aufgereiht wie Dominosteine
am Horizont entfalten
wie dunkle Betongestalten.

 
Meine Hand wandert über das kalte Metall,
im Hintergrund höre ich einen lauten Knall
gedämmt durch das Geräusch einer Grille,
die die vollkommene Stille dieser Stadt
durchbricht.

 
In leichten Fäden zieht
der Geruch von Freiheit durch
die Dunkelheit und beschreibt
wie ein Gedicht
das Gewicht meiner Liebe zu dieser Stadt.

Falsch verbunden

Sie sitzt da, die Beine überschlagen, Musik in den Ohren, den Blick in die Ferne gerichtet. Sie hat die Hände neben sich gelegt. Mit den Fingerspitzen fühlt sie das kalte Holz der Bank, auf der sie sitzt. Und sie wartet. Sie wartet auf Liam, den sie am Morgen nicht einmal gekannt hatte, dessen Stimme ihr nun nicht mehr aus dem Kopf ging. Ein einziger Anruf hatte alles geändert, ihre kleine, heile Welt auf den Kopf gestellt. Sie fühlte sich wie ein Ersatzspieler, der völlig unvorbereitet auf den Platz geschickt wurde.

Emma war über 150 Kilometer gefahren und saß nun nicht mehr in ihrem Zimmer in Oldenburg, sondern in Hamburg, mit dem Blick auf die Elbe gerichtet. Sie schaute auf die Uhr. Kurz nach zehn. Die Lichter der Häuser spiegeln sich auf der Wasseroberfläche, die Stadt ist still geworden. Emma ist still geworden.

Ihre Reisetasche hatte sie in einem kleinen Schließfach am Bahnhof deponiert, nur ihre Handtasche mitgenommen. Etwas zu Lesen, einen Notizblock, ihren MP3-Player und das Handy. Das Handy, dass vier Stunden vorher klingelte.

Eine Nummer erschien auf dem Display, die für Emma unbekannt war. Nach einem Zögern ging sie ran, meldete sich mit ihrem Namen und vernahm zunächst nur Stille. Kurz bevor sie auflegen wollte, hörte sie jemanden schluchzen. Ihr Körper bebte vor Anspannung. Ihr war etwas mulmig bei dem Gedanken, dass jemand weinte und sich dafür ausgerechnet ihre Leitung ausgesucht hatte. Das zunächst kaum verständliche Murmeln ihres Gesprächspartners verwandelte sich in kurzer Zeit in klare Sätze, die immer wieder durch schweres Atmen und Seufzen unterbrochen wurde.

Er hieß Liam, wollte eigentlich mit Zoe reden und hatte sich augenscheinlich verwählt. Doch Emma wollte nicht, dass er auflegt. Viel zu besorgt war sie. Mit nichts, was sie sagte, konnte sie ihn beruhigen, doch irgendwann fing er an zu erzählen. Er erzählte von seiner Familie, von seiner Mutter und seinem Stiefvater. Er verriet ihr, dass Zoe seine Freundin war. War, weil sie Schluß machte, nachdem er sich mehr und mehr zurückzog, sich verschanzte und niemanden an sich ran ließ. Emma fragte nach den Gründen und ließ dabei einen Blick auf die Uhr fallen. Sie telefonierte schon eine halbe Stunde mit Liam, dem unbekannten Liam, der sie mit seiner Stimme in den Bann zog. Sie konnte nicht erklären, was sie fühlte. Die anfängliche Anspannung war verflogen und wandelte sich immer mehr in Verständnis – kein Mitleid sondern Verständnis für seine Verzweiflung.

Im Hintergrund hörte sie immer wieder Stimmen, Lautsprecherdurchsagen und das Rauschen von Zügen. Liam war an einem Bahnhof, was er da wollte, wusste sie nicht, doch zu fragen traute sie sich nicht.

Er erzählte weiter, erzählte von seinem Stiefvater und wie dieser seine Mutter schlug. Erzählte, wie er immer wieder Angst hatte, selbst in seine Fänge zu geraten. Dann zögerte er, begann wieder zu weinen und wollte auflegen. Viel zu viel hätte er Emma schon erzählt, doch diese war immer noch fixiert darauf rauszufinden, wieso er am Bahnhof war, wieso er weinte und wieso er ausgerechnet seine Exfreundin anrufen wollte. Sie fragte nach. Stille.

Er solle gehen, hatte seine Mutter gesagt. Er solle gehen und nicht wiederkommen. Wieder schluchzte er. Emma verstand nicht. Wieso sollte Liam gehen und nicht der Stiefvater?

Sie wolle nicht, dass er es mit anschauen musste. Sie wolle nicht, dass es ihm irgendwann so ginge, wie ihr. Sie wollte, dass es ihm gut ging und er keine Angst haben musste. Deswegen war er am Bahnhof.

Erschüttert von den letzten Stunden wollte er Zuflucht bei Zoe finden und fand sie stattdessen bei Emma. Emma hatte das unbändige Bedürfnis, ihm zu helfen, sprach immer wieder auf ihn ein. Immer, wenn er auflegen wollte, hielt sie ihn ab. Sie hatte etwas Angst. Häufig sprach er davon, dass das Leben nichts mehr wert sei, dass es sich nicht lohnen würde, zu leben. Sie hatte Angst um ihn, um diesen fremden Jungen, den sie nie hätte sprechen sollen, der irgendwo in Deutschland war, weit weg, für sie eigentlich total unwichtig.

So viele Dinge hätte sie in diesem Moment tun können. Sie hätte im „Karma“, dem örtlichen Theater, sein können, proben und vorsprechen, auf ihren Durchbruch als Schauspielerin hinarbeiten, doch stattdessen versuchte sie ihn zu trösten, Liam zu beruhigen.

Sie hielt es nicht mehr aus, immer wieder sprach sie auf ihn ein, er solle ihr sagen, wo er sei, doch er wollte nicht. Immer wieder fragte sie, bis eine Durchsage im Hintergrund ihre Aufmerksamkeit verlangte.

„Liebe Fahrgäste, willkommen in Hannover!“

Sie musste nicht mehr fragen, sie wusste, wo er war. Doch wo wollte er hin? Sie wollte ihn treffen, etwas ändern und bewegen, sie wollte ihn persönlich kennenlernen, sie wollte, dass ihre Angst um ihn unbegründet blieb.

Immer wieder schaut sie auf das Glitzern des Wassers. Sie schaut auf die Uhr. Schon vor zwanzig Minuten wollten sie sich hier treffen. Hier in Hamburg, dem Tor der Welt, doch noch sitzt er nicht neben ihr. Noch konnte sie ihn nicht umarmen und beruhigen.

Die Verbindung war abgebrochen, als sie beide in den Zug stiegen, als feststand, dass sie sich treffen würden. Noch heute, noch in den nächsten Stunden.

Ihr Handy vibriert, der Ton für eine ankommende SMS ertönt, eine SMS von Liam.

„Wenn Hamburg das Tor zur Welt ist, möchte ich, dass sich mein Tor hier schließt.“

Ein Atemzug, der Blick auf die Elbe, die Kälte, die sich in ihren Körper schleicht, im Hintergrund sinken leise Töne einer Sirene in ihr Ohr. Sie hatte es versucht.

Gedanken kunterbunt

Ein Moment der Stille. Ein Atemzug. Die Welt bleibt stehen und ich versinke in meine Gedanken. In meine Gedanken an dich.

Wenn ich an dich denke, sind meine Gedanken meine Farben, meine Träume sind meine Leinwände, du bist der Pinsel. Und dann male ich, dann bringst du mich zum Malen. Meine Gedanken malen mit Bunten Farben auf den weißen, tristen Leinwänden.

Der Pinsel gleitet über die Fasern, verweilt, zieht Kreise, schafft Räume. Räume zum Leben.

Kunterbunte Farben, ein Durcheinander aus Blau, Grün und Gelb, aus Violett, Rot und Azur. Ein Durcheinander aus Gedanken, doch nur eine Leinwand. Nur ein Traum, nur ein Pinsel, nur du.